04/28/17

Gefühlsregulation

Gefühlsregulation Wer nicht so weit geht,
wie sein Gefühl ihn treibt und
sein Verstand ihm erlaubt,
ist ein Dummkopf.
(Heinrich Heine)

Gefühlsregulation steht dafür, auf gesunde Weise mit seinen Gefühlen umzugehen und ein Gefühl für die eigenen Gefühle zu entwickeln; sich selbst in desolaten Situationen beruhigen und in schwierigen Situationen sich selbst motivieren zu können.
Die eigenen Gefühle beeinflussen, steuern, in den Griff bekommen: das ist eines der wichtigsten Themen, wenn Pflegende auch unter den Bedingungen von Demenz in der Familie ein erfülltes und selbstbestimmtes Leben führen wollen.

Ganz oft regulieren wir unsere Gefühle über Umwege: Essen, Fernsehen, Treffen mit Freunden, Sex. Oder auch durch das ungehemmte Herauslassen der Gefühle (Gemein werden, Rumbrüllen, Türen schlagen). Manchmal regulieren wir unsere Gefühle auch durch Vermeidung von Situationen, mit denen wir Schwierigkeiten haben. Wir weichen schwierigen Situationen aus – was dann natürlich oft auch Nachteile für unser Leben hat.

Emotionen entstehen nie aus heiterem Himmel, auch wenn es uns manchmal so erscheint. Wir selbst haben einen entscheidenden Anteil daran, welche Emotionen entstehen und wie intensiv sie sind. Dabei hängt es von der Situation und vor allem von unseren Gedanken ab, welches Gefühl wir letztendlich erleben.

Das Prinzip lässt sich sehr leicht verstehen. Stellen Sie sich vor, jemand sagt in drei verschiedenen Situationen den gleichen Satz zu Ihnen. Sie werden abhängig von der Situation und Ihren Gedanken drei verschiedene Gefühle haben[1]:

Stellen Sie sich vor, jemand sagt den folgenden Satz zu Ihnen: Sie kommen zu spät!

  • Ihr Vorgesetzter im Büro (Sie haben sowieso einen neuen Job)
  • Ihr Arzt (Sie sind bei der Krebsvorsorgeuntersuchung)
  • Die Stewardess am Check-In auf dem Flughafen (Sie wollen zu einem Bewerbungsgespräch)


Welche unterschiedlichen Gedanken und Gefühle werden Sie wohl in diesen Situationen haben?
Das Beispiel soll verdeutlichen, dass Emotionen weder zufällig entstehen noch unveränderbar sind. Vielmehr ist die Entstehung eines bestimmten Gefühls im Umgang mit einem Menschen mit Demenz davon abhängig, in welcher Situation wir uns befinden (z.B. unter Druck, eine Arbeit fertigstellen zu müssen) und auch wie wir die Situation gedanklich bewerten (z.B. als Symptom der Demenz oder als Kritik an unserer Betreuung).

Emotionen sind demnach seelische Zustände, die mit gedanklichen und körperlichen Prozessen verknüpft sind. Ausgehend von einer relativ kleinen Zahl von 5 – 7 Grundgefühlen entsteht eine umfangreiche Palette von daraus abgeleiteten Gefühlszuständen. Das Grundgefühl Ärger reicht dann von eher diffuser Unzufriedenheit über Genervtheit bis hin zu Wut und Zorn. Je schwerwiegender die gedankliche Bewertung einer Situation ausfällt, desto intensiver wird der sich daraus entwickelnde Gefühlszustand erlebt. Wenn z.B. die Äußerung eines Menschen mit Demenz nicht als Symptom der Erkrankung, sondern als ehrenrührige ungerechtfertigte Beschuldigung aufgefasst wird, weicht die ursprüngliche Gleichgültigkeit sehr schnell einem schwer kontrollierbaren Zorn.

Die Betreuung und Pflege eines Menschen mit Demenz stellt vielfältige Anforderungen an die Pflegenden. Neben den kognitiven und sozialen Fähigkeiten nehmen die psychischen Belastungen bedingt durch die permanente Aufforderung zur Regulation der eigenen Gefühle den bedeutenden Teil des Pflegealltags ein. Diese Gefühlsarbeit (”emotional labor“) ist ein unabwendbarer Teil der Pflege, bei der eine Steuerung der eigenen Gefühle erforderlich ist, um nach außen hin gegenüber Pflegebedürftigen in Mimik, Stimme und Gestik positive Emotionen zum Ausdruck zu bringen, unabhängig davon, ob es mit den inneren Empfindungen übereinstimmt oder nicht. Damit soll erreicht werden, dass Schutzbefohlene sich wohlfühlen und ihrerseits in einen positiven Gefühlszustand kommen bzw. darin verbleiben.
Die langfristigen Auswirkungen dieser psychischen beanspruchenden Gefühlsarbeit können sich in allgemeiner Lebensunzufriedenheit, in psychosomatischen Beschwerden (wie z.B. Kopfschmerzen, Schlafstörungen allgemeiner Gereiztheit etc.), aber auch im sog. Burnout äußern (Zapf et al. 2000).

Burnout äußert sich in drei Komponenten: als emotionale Erschöpfung, d.h. wenn Pflegende das Gefühl haben, seelisch richtig ausgelaugt zu sein; als Depersonalisation, dass pflegende Angehörige sich innerlich von den Menschen mit Demenz distanzieren und sie wie „Fremde“ behandeln sowie schließlich in dem Gefühl reduzierter Leistungsfähigkeit, verbunden mit der Haltung, den eigenen Ansprüchen nicht mehr zu genügen. Burnout ist eines der großen Risiken der Betreuung und Pflege eines Menschen mit Demenz, weil der Pflegealltag immer durch ein emotionales Ungleichgewicht gekennzeichnet ist. Pflegende sind gezwungen, wesentlich mehr in zwischenmenschliche Beziehungen zu investieren als sie von einem Menschen mit Demenz zurückerhalten können, selbst wenn unter den Bedingungen der Krankheit neue Vertrautheit entsteht.

Vor diesem Hintergrund ist Gefühlsregulation, d.h. die Fähigkeit von Pflegenden, ihre Emotionen auch in prekären Situationen kontrollieren zu können ein Merkmal ausgeprägter Kommunikationskompetenz. Pflegende, die in der Lage sind, ihre Emotionen wahrzunehmen und Einfluss darauf zu nehmen, wie sie diese ihre Gefühlsregungen einem Menschen mit Demenz gegenüber ausdrücken, tragen zur Stabilisierung der Beziehung zwischen Pflegenden und Pflegebedürftigen bei.

Rückwirkend stellt sich bei den meisten Pflegenden dann noch eine weitere positive
(Selbst-)Erfahrung ein: die Fähigkeit, Emotionen regulieren zu können stärkt das Selbstwertgefühl und damit auch die eigene seelische Widerstandskraft (Resilienz) gegenüber Belastungen durch Demenz in der Familie.
Gefühlsregulierung ist also ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt mit vielfältigen Auswirkungen auf das Lebensgefühl und die Lebensqualität aller Betroffenen.

Gefühlsregulation ist per Definition „anstrengend“, da sie individuelle Ressourcen beanspruchen. Sich zurückzunehmen oder auch „die Faust in der Tasche zu ballen“ kostet zusätzliche seelische Kraft und will geübt werden. Am besten beginnen Pflegende, die sich diesem Anliegen widmen wollen damit sich einige grundlegende Fragen zu stellen:

  • Wie bekomme ich ein Gefühl für meine Gefühle?
    Welche Gefühle bewegen mich in einer schwierigen Pflegesituation? Wut und Ekel sind ja noch leicht voneinander zu unterscheiden; aber wie sieht es mit Ärger und Abneigung aus oder mit dem Unterschied zwischen Mitleid und Enttäuschung?
    Der erste Schritt zu verbesserter Gefühlsregulierung besteht darin, die eigenen Gefühle „lesen“ zu lernen. Das braucht Übung und damit Zeit. Es empfiehlt sich ein Zwischenschritt mit einem Notfallplan, wenn Sie bemerken, dass Ihnen „die Galle überläuft“ und Sie sich nicht im Nachhinein über einen Ausbruch ärgern wollen:
  • Benennen Sie zu Beginn der Situation – solange Sie sich noch kontrollieren können – im Stillen ihre Reaktion, z.B.: „Ich merke, dass ich ärgerlich werde, gleichzeitig ist es mir so wichtig, dass wir den Besuch beim Zahnarzt hinbekommen. Deshalb werde ich jetzt eigene Zahnschmerzen `anmelden´ ….“. Hilfreich kann in solchen prekären Situationen eine lässliche Notlüge sein, wenn es nicht ausreicht, die eigene emotionale Befindlichkeit auszusprechen. Eine laute Stimme oder böse Blicke helfen in keinem Fall weiter!
  • Bewusst langsame Atmung senkt die Intensität von Gefühlsempfindungen; und den Effekt können Sie zusätzlich unterstützen, indem Sie länger und langsamer Ausatmen als Einatmen (durch die Nase tief einatmen und durch den halbgeöffneten Mund locker ausatmen).
  • Manchmal hilft es, negative Emotionen besser zu kontrollieren, indem Sie eine positive Körperhaltung einnehmen, z.B. sich bewusst aufrichten, nach oben blicken und Arme hinter dem Kopf verschränken. Oder Sie drücken sich selbst zwischen Zeigefinger und Daumen kurz in die Hand. Das löst einen kurzen Schmerzreiz aus, der das Gehirn irritiert und dafür sorgt, dass Sie sich nicht in das Gefühl hineinsteigern.
  • Wenn die Emotion schon zu stark ist und Sie lieber schweigen als reden wollen
    • unterbrechen Sie den Vorgang und versuchen, sich abzulenken,
    • wechseln Sie den Ort oder gehen für einige Minuten raus an die frische Luft,
    • essen oder trinken Sie zwischendurch etwas,
    • machen zwischendurch ein paar Entspannungsübungen, dehnen und strecken Sie sich oder
    • Sie wählen eine mentale Technik, um Abstand zu Ihren Emotionen zu gewinnen und sich wieder besser zu steuern, z.B. stellen Sie sich vor, Sie werden gefilmt oder Sie fragen sich, wie Sie aus der Situation eine Geschichte machen, die Sie anderen erzählen können.

 

Problematische und irritierende Situationen sind eine „normale“ und immer wiederkehrende Begleiterscheinung der Pflege und Betreuung eines Menschen mit Demenz. Insofern macht es Sinn, wenn Pflegende ihre Fähigkeiten zur Gefühlsregulation trainieren und sich auf solche Situationen vorbereiten, um eigenes kontraproduktives Verhalten soweit möglich zu vermeiden:

  • Konfliktprophylaxe I: Klare Pflegeziele sind die beste Konfliktprophylaxe
    Erfolgreich pflegende Angehörige wenden ichbezogene (Ziel: Verbesserung der eigenen Befindlichkeit) und patientenbezogene Strategien (Ziel: Verbesserung des Patientenzustandes) je nach Pflegesituation gleichermaßen Die Konzentration auf eine der Pflegestrategien mindert die Chancen, den Konflikt zu bewältigen.
  • Konfliktprophylaxe II: Zufriedenheit von Pflegebedürftigen hilft Konflikte zu vermeiden
    Zufriedenheit entsteht bei Pflegebedürftigen immer dann, wenn sie sich geborgen fühlen. Pflegende können dazu beitragen, dass Zufriedenheit entsteht, wenn sie über ihre Zuwendung zu ihren pflegebedürftigen Angehörigen hinaus auch soweit möglich klarmachen, welche Erwartungen sie an die Mitwirkung ihrer Pflegebedürftigen an Pflege und Betreuung haben.
  • Konfliktprophylaxe III: Wissen über typische Problemsituationen schafft Klarheit im Denken
    Viele prekäre Pflegesituationen wiederholen sich im Lauf der Zeit. Sinnvoll ist es deshalb für Pflegende, eine Liste typischer Problemsituationen anzulegen und festzuhalten, welche Anlässe zu Konflikten geführt haben bzw. welche Anzeichen darauf hindeuten, dass sich ein Konflikt anbahnt. Diese Erinnerungsstütze trägt dazu bei, „vorauszusehen“, ob eine Situation sich konflikthaft entwickelt und ggf. Ihr Pflegeverhalten so zu verändern, dass die emotionale Wirkung verändert wird oder aber die potentiell problematische Situation zu vermeiden.
  • Konfliktprophylaxe IV: „Das Gute im Schlechten betonen“
    Pflegende können eine problematische Situation dadurch „entschärfen“ und damit ihren emotionalen Gehalt verändern, indem sie anders über die Situation denken oder ihre eigenen Fähigkeiten zum Umgang mit der Situation anders einschätzen.
    Die veränderte Bewertung z.B. der Folgen einer Konfliktsituation kann sowohl dazu genutzt werden, die Art der Emotion (Ärger zu Lachen) als auch ihre Intensität zu verändern.
  • Konfliktprophylaxe V: Akzeptanz, dass Pflegende immer in der Verantwortung stehen
    Pflegebedürftige sind immer der schwächere Teil in der Beziehung zwischen Pflegenden und einem Menschen mit Demenz, d.h. die Verantwortung für die Konfliktlösung oder dafür, Konflikte erst gar nicht entstehen zu lassen, liegt immer bei den Pflegenden.
    Neben den aktiven Maßnahmen zur Konfliktprophylaxe empfiehlt es sich deshalb auch, Überlegungen darüber anzustellen und Maßnahmen zu treffen, mit denen Sie sich als Pflegende entlasten können. Besonders bewährt hat sich dabei ein Tagebuch der eigenen Gefühle zu schreiben. Über die eigenen Gefühle zu schreiben trägt mittelbar dazu bei, die eigenen Gefühle besser zu verstehen und damit auch in schwierigen Situationen kontrollieren zu können.
    Darüber hinaus ist es hilfreich über die Belastungen mit Personen Ihres Vertrauens zu sprechen und sich Zeit einzuräumen für körperliche Aktivität z.B. Spaziergänge.

[1] Quelle: VBG, Emotionsarbeit in personenbezogenen Dienstleistungsberufen; www.vbg.de, o. Jg.

03/28/17

Demenzsorge

Demenzsorge Entweder Sie sind Teil der Lösung
oder Teil des Problems.
Es gibt nichts dazwischen.
(
Michail Gorbatschow)

Demenzsorge: Schreckgespenst des Alters

Ob über die Medien oder durch persönliche Erfahrung mit Freunden und Angehörigen: Das Thema Alzheimer und Demenz ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Auch die Sorge darum, selbst einmal dement zu werden, ist mittlerweile weit verbreitet.
Internationalen Studien zufolge ist die Demenzsorge zumindest in westlichen Ländern weit verbreitet. Die Gründe dafür liegen zunächst einmal in der Zunahme der Lebenserwartung, d.h. mit wachsendem Lebensalter nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, an einer Demenz zu erkranken.

Nach neueren Resultaten aus europäischen Feldstudien liegen die altersspezifischen Prävalenzraten (Anteil der Menschen mit Demenz an der gleichaltrigen Bevölkerung)  in Deutschland 2012 bei mehr als 1,4 Millionen. Diese Krankenziffer verdoppelt sich im Abstand von jeweils etwa fünf Altersjahren und nimmt von etwas mehr als 1 % in der Altersgruppe der 65-69-Jährigen auf rund 40 % unter den über 90-Jährigen zu. (Deutsche Alzheimer Gesellschaft)

Die Sorge, an Demenz im Alter zu erkranken, verbreitet sich darüber hinaus auch durch die mediale Berichterstattung, ein ungewollter Effekt bei dem Bemühen, das Stigma einer Demenzerkrankung durch größere Öffentlichkeit zu mindern. Schließlich spielt auch eine psychische Disposition noch eine Rolle bei der Verbreitung von „Demenzsorgen“: Menschen, die allgemein stärker psychisch belastet sind (Neurotizismus), ängstlich oder depressiv verstimmt sind, neigen zu stärkeren Demenzsorgen.
Demenzsorge (dementia worry) hat zwei Seiten. Einerseits kann eine frühzeitige Diagnose dazu beitragen, dass durch psychotherapeutische und/oder medikamentöse Maßnahmen der Verlauf der Erkrankung verzögert wird, andererseits können sich aber auch unberechtigte Sorgen, die meist nicht abgeklärt werden sehr nachteilig auf die Lebensqualität auswirken. „Schwarze Gedanken“, Grübeln und bestimmten Bilder im Kopf: „Man stellt sich beispielsweise vor, mit Alzheimer im Altersheim zu leben, auf andere angewiesen zu sein“ nehmen dann großen Raum im Alltag ein und reduzieren Lebensfreude auf ein Minimum.

Demenz ist, neben der Angst vor einer Krebserkrankung, das Schreckgespenst des Alters schlechthin. Dabei wird meist übersehen, dass, abgesehen von den ersten Phasen der Erkrankung, pflegende Angehörige diejenigen sind, die subjektiv vermutlich am meisten unter Demenz in der Familie leiden und am ehesten in der Gefahr sind, über einer Demenz selbst depressiv zu werden.

Die psychische Situation von pflegenden Angehörigen

„Wer immer vor der Aufgabe steht, das Verhalten anderer Menschen … zielgerichtet zu beeinflussen, ist mit einer fundamentalen Paradoxie konfrontiert: Er muss Verantwortung übernehmen für eine Steuerung von Systemen, die sich nach aller Erfahrung nur sehr eingeschränkt und wenig zuverlässig von außen steuern bzw. kontrollieren lassen“ (Backhaus & Thommen, 2003).

Die Situation Pflegender ihrem Angehörigen mit Demenz gegenüber ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass sie tagtäglich mit „schlecht definierten Problemen“ und mit anderen Menschen zu tun haben (andere Familienangehörige und Pflegepersonal etc.), ohne dass diese Beziehungsarbeit den eigentlichen Inhalt, das eigentliche Ziel ihrer pflegerischen Tätigkeit ausmacht.

“Schlecht definiert“ ist ein Problem dann, wenn Ursache und Wirkung nicht bestimmbar und Erwartungen über den Erfolg von Maßnahmen deshalb kaum möglich sind. „Wer schlecht definierte Probleme lösen will, muss suchen und lernen, die Zwischenergebnisse seiner Erfahrungen auszuwerten. Dem steht der Zielerreichungsdruck entgegen: Wer Ziele erreichen will, muss handlungssicher sein. Der Manager pendelt also ständig zwischen der durch die Situation gegebenen Handlungsunsicherheit einerseits und der durch den Erfolgsdruck … nötigen Handlungssicherheit andererseits. So entsteht das „so tun als ob“, die Fassade vom nicht irritierbaren Alleskönner, deren Aufrechterhaltung immer mehr Energie verschluckt.“ (Looss, 1991)
Fassadenverhalten findet sich also als Bewältigungsstrategie nicht nur bei Menschen mit Demenz, sondern auch bei pflegenden Angehörigen. Zwangsläufig müssen Angehörige bei ihrer pflegerischen Tätigkeit Demenzkranke instrumentalisieren und geraten damit unweigerlich in einen inneren Konflikt. Der Erfolg, die Pflege und was ihr dienlich ist, muss im Vordergrund stehen: so entsteht das Verhalten einer doppelbödigen Beziehung mit „Wir-Gefühl“ und Zuwendung einerseits und „strategischer“ Kommunikation sowie Manipulation andererseits.

Pflegende Angehörige lernen, insbesondere, wenn sie ihre pflegerische Rolle sehr verinnerlicht haben, Verhaltensweisen, die sie benötigen, um die Beziehung zu ihren erkrankten Angehörigen sowohl aufrechtzuerhalten als auch in den Dienst der Pflege zu stellen: sie lernen, Konflikte nach innen zu verlagern und zuweilen auch „die Faust in der Tasche zu halten“, sie lernen, sich selber weniger zu spüren, um die widersprüchliche Pflegerolle dauerhaft durchzuhalten. Damit werden ihre gut gemeinten, individuellen Lösungsversuche zum Teil ihres Problems. Pflegende Angehörige fühlen sich in ihrem Rollenhandeln immer dazu angehalten, der Aufgabenerfüllung, der Pflicht, den Erfolgsaussichten jeweils den Vorrang zu geben gegenüber anderen Impulsen in ihrem Leben. Und sie tun damit alles, Frühwarnsignale für eine sich anbahnende Überforderung zu ignorieren, die eine Unterbrechung der Pflegetätigkeit erzwingen würde.

Die Parallelen zwischen pflegenden Angehörigen und Managern sind unübersehbar. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang die Frage: Wie gehen Manager mit der Situation um, wenn sie unübersehbar den Kontakt zu sich selbst verloren haben? Diese Situation gehört für Manager zu den häufigsten Auslösern, die Hilfe bei einem persönlichen Coach zu suchen und in Anspruch zu nehmen.

Auf den ersten Blick mag das eine ungewöhnliche Perspektive sein, bei näherem Hinsehen zeigt sich jedoch sehr schnell, dass es viele Parallelen zwischen pflegenden Angehörigen und Managern in leitender Funktion eines Unternehmens gibt:

  1. Verantwortung für ihnen anvertraute Menschen,
  2. Überzeugt von der Notwendigkeit, die ihnen anvertrauten Menschen motivieren zu müssen; Manager ihre Mitarbeiter zu Arbeit und Leistung, pflegende Angehörige ihre Familienmitglieder zu initiativem und, soweit möglich, selbstständigem Handeln zu bewegen,
  3. Planung von Arbeitsprozessen bzw. des Tagesablaufs,
  4. Kontrolltätigkeiten, um angestrebte Ergebnisse sicherzustellen,
  5. Entscheidungen in „gutartigen“ und „bösartigen“ Problemsituationen.

Kurz: pflegende Angehörige haben als vornehmste Aufgabe, das Leben ihrer demenziell erkrankten Familienmitglieder so zu managen, dass diese ermutigt werden, ihre Ressourcen zu nutzen und immer dann, wenn dies nicht gelingt, mit Rat und Tat, wenn erforderlich auch mit Trost und Zuwendung zur Verfügung zu stehen.

Pflegende Angehörige sind stärker noch als Manager gefährdet, in die Burnout-Falle zu geraten, weil für sie nicht nur Ehrgeiz, sondern vor allem die emotionale Nähe zu ihren Familienmitgliedern Ansporn ist, für entsprechende Lebensqualität zu sorgen.
Dabei übersehen Burnout-Gefährdete nur allzu häufig, wie existenziell wichtig es ist, sich selbst Zeit und Raum zum Ausruhen und Regenerieren sowie für Ausgleichsmöglichkeiten wie Sport, Musik oder andere Tätigkeit zu sorgen, die von ihnen ohne Stress und übermäßige Anstrengung, ohne Zeit- und/oder Leistungsdruck erledigt werden können. Nur dann, wenn sie ihrer Selbstfürsorge den angemessenen Raum geben, können sie den eigenen Anforderungen an die Pflege auf Dauer gerecht werden. Immer wieder werden jedoch Fälle bekannt, in denen pflegende Angehörige aus missverstandener Zuwendung, ihre Kräfte überschätzen und selbst krank werden. Damit dienen sie den erkrankten Familienmitgliedern, wie sie meist zu spät einsehen, allerdings am allerwenigsten.

 

03/28/17

Aktives Zuhören

  Aktives Zuhören Der Zuhörer ist ein schweigender Schmeichler.
(Immanuel Kant)

Warum „aktives Zuhören“ für Pflegende so wichtig ist

Wirkliches „Zuhören“ ist nicht leicht. Dabei ist Hinhören und Hinsehen, ist Aufmerksamkeit häufig der Schlüssel zur Lösung von kleinen und großen Konflikten oder trägt dazu bei, dass Konflikte erst gar nicht entstehen.
Die häufigsten Konfliktsituationen entstehen dann, wenn Pflegende die Äußerungen ihrer Pflegebedürftigen zwar wahrnehmen, aber innerlich bereits damit beschäftigt sind, nach einer Lösung für das Problem zu suchen, z.B. wie sie die richtigen Worte finden, um einen aufgeregten Menschen mit Demenz zu beruhigen.
„Multitasking“, d.h. mehrere Dinge zur gleichen Zeit zu tun, bringt uns immer wieder an den Rand unserer Möglichkeiten, erst recht Pflegende, deren Verhalten mehr von Sorge als von Gelassenheit geprägt ist. Zuhören als volle Aufmerksamkeit für das Anliegen eines pflegebedürftigen Gegenübers ist in solchen Situationen eine Eigenschaft, die gerne unterschätzt wird.
Auch wenn es schwerfällt, sollten Pflegende sich im Umgang mit pflegebedürftigen Angehörigen mit Demenz ein paar Momente der Stille gönnen und in sich hineinhören: Was treibt mich um? Wie fühle ich mich gerade – und warum? Wer das benennen kann, der kann sich anschließend besser von eigenen Emotionen und Problemen freimachen – und so Platz für den erkrankten Gesprächspartner schaffen (auch und gerade, wenn keine Zeit dafür ist).

Aktives Zuhören bedeutet, wirklich verstehen zu wollen, was unser Gegenüber uns mitteilen möchte. Also vor allem auch „hören“, was nicht ausgesprochen wurde, Beweggründe und Gefühlslagen wahrzunehmen, sich in die Lage des Menschen mit Demenz einzufühlen. Zuhören ist ein aktiver Prozess und nur scheinbar passiv. Vor allem: Zuhören heißt nicht gutheißen! Sondern vor allem mit eigenen Worten hin und wieder wiederholen, was man verstanden hat, um direkt oder indirekt nachzufragen, ob man die Äußerungen richtig verstanden hat.
Aktives Zuhören ist für pflegende Angehörige das Instrument, um die Haltung oder das Verhalten eines Menschen mit Demenz ändern zu können. Solange man gar nicht wirklich weiß, was pflegebedürftige Angehörige bewegt, ist es unmöglich, sie zu beeinflussen. Das ist schon schwer genug unter sog. Gesunden; in der Kommunikation mit einem Menschen mit Demenz sind Pflegende immer auf Vermutungen und Annahmen angewiesen, d.h. je besser sie ihre Pflegebedürftigen (aus gesunden Zeiten) kennen, desto leichter wird es ihnen fallen, sie mit ihren Interventionen zu erreichen.

Aufrichtiges Zuhören bringt Pflegenden sogar am meisten, denn:

  • Wer aufrichtig zuhört, erfährt mehr und kann so bessere Entscheidungen treffen.
  • Pflegende sind so in der Lage, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden – und dies anschließend auch entsprechend zu verwirklichen.
  • Pflegende geben ihren erkrankten Angehörigen das Gefühl, respektiert und wertgeschätzt zu werden und helfen ihnen, sich besser zu fühlen.

Aktives Zuhören, d.h. den Augenblick mit allen Sinnen wahrzunehmen, lässt sich lernen. Wer tiefer einsteigen möchte findet unter den Stichworten „Paraphrasieren“ und „Spiegeln“ reichhaltige Empfehlungen. Vielleicht macht die folgende kleine Erzählung , in der ein in der Meditation erfahrener Mann gefragt wurde, warum er trotz seiner vielen Beschäftigungen immer so gesammelt sein könne, Lust auf mehr Information zu diesem Thema.
Er antwortete:
Wenn ich stehe, dann stehe ich,
wenn ich gehe, dann gehe ich,
wenn ich sitze, dann sitze ich,
wenn ich esse, dann esse ich,
wenn ich spreche, dann spreche ich…
Da fielen ihm die Fragesteller
ins Wort und sagten:
Das tun wir auch,
aber was machst du noch darüber hinaus?
Er sagte wiederum:
Wenn ich stehe, dann stehe ich,
wenn ich gehe, dann gehe ich,
wenn ich sitze, dann sitze ich,
wenn ich esse, dann esse ich,
wenn ich spreche, dann spreche ich …
Wieder sagten die Leute:
Das tun wir doch auch.
Er aber sagte zu ihnen:
Nein,
wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon,
wenn ihr steht, dann lauft ihr schon,
wenn ihr lauft,
dann seid ihr schon am Ziel …

01/31/17

Bestandsaufnahme: Stress als Zustand unter Belastung

Stress als Zustand unter Belastung

Stress wird von vielen pflegenden Angehörigen als ein Zustand unter Belastung erlebt, der bei ihnen das Gefühl von Anspannung und auch inneren Widerstand auslöst. Das kann bei jeder der Aufgaben, die im Pflegealltag anfallen, sehr unterschiedlich sein: wichtig ist es, zunächst einmal herauszufinden, inwiefern die verschiedenen Aufgaben der Betreuung und Pflege eines Menschen mit Demenz für Sie persönlich belastend sind.
Die „Ampelkennzeichnung“ soll Ihnen dabei helfen, das anhand der folgenden Aufgabenliste ohne großen Aufwand zu erkennen. Dabei bedeutet

    wenig oder gar nicht belastet,

   manchmal oder etwas belastet,

   besonders belastet fühlen.

 

Legen Sie bei den jeweiligen Markierungen die letzten zwei Wochen zugrunde und lesen Sie die Hinweise zur Auswertung Ihres ganz persönlichen Belastungsinventars erst dann durch, wenn Sie die einzelnen Aufgaben als , oder markiert haben.

  Belastung durch Betreuungsaufgaben      
1 Hilfe bei der Nahrungsaufnahme (z.B. Kleinschneiden der Nahrung, „Füttern“)
2 Körperpflege (Baden, Waschen, Duschen, Zahnpflege, Haar-, Haut- und Nagelpflege)
3 An- und Auskleiden bzw. Zurechtlegen der Kleidung
4 Hilfe bei Toilettengängen bzw. Inkontinenzvorlagen wechseln, Intimpflege
5 Nächtliche Betreuungsaufgaben
6 Zubereitung der Mahlzeiten (z. B. Kochen, Brote richten)
7 Pflege des Wohnbereiches, Putzen und Aufräumen
8 Einkäufe, Anschaffungen
9 Organisieren der Pflege (z.B. Behördengänge, Telefonate, Schriftverkehr) und Koordination der ärztlichen, pflegerischen und sozialtherapeutischen Betreuung
10 Erinnern, Motivieren, Anleiten in Bezug auf die medizinische Grundversorgung
11 Sorge für einen gut strukturierten Tagesablauf und Orientierungshilfen in der Wohnung, Achten auf Sicherheit im Haushalt
12 Erinnern, Motivieren, Anleiten und Erklären bei der Körperpflege, beim Anziehen, in Bezug auf die Pflege des Wohnbereichs
13 Unterstützung bei der Kontaktpflege (z.B. Briefe schreiben oder Telefonate führen, Bekannte, Freunde etc. besuchen oder einladen, gemeinsame Aktivitäten mit anderen organisieren)
14 Gefühlsmäßige Unterstützung (z.B. gut zureden, aufmuntern, beruhigen, erklären, Trost und Beruhigung durch körperliche Zuwendung und Geduld
15 Beaufsichtigen (z.B. Verhüten von Weglaufen, Verhüten von Stürzen und Verletzungen)
16 Persönlich verfügbar/anwesend sein
17 Die 24-Stunden-Pflege (auch der „36 Stunden-Tag“ genannt)
  Körperliche Belastungen      
18 Gestörte Nachtruhe verhindert die Regeneration (Folgen davon: z.B. Kreislaufprobleme, Stürze und Konzentrationsschwächen, erhöhte Reizbarkeit oder Aggression
19 Körperliche Beeinträchtigungen, Verspannungen und Gelenkbeschwerden z. B. beim Betten, Heben, Umlagern und der Hilfe beim Aufstehen
  Belastung durch Verhaltensänderungen, Persönlichkeitsveränderungen und Veränderungen in der Beziehung zu Pflegebedürftigen    
20 wiederholt sich oft (z.B. stellt dieselben Fragen, erzählt dieselben Dinge)
21 tut Dinge, die mir verrückt erscheinen
22 ist unruhig
23 ist logischen Argumenten nicht (mehr) zugänglich
24 beschimpft mich
25 begreift schwierige Sachverhalte nicht mehr
26 erkennt mich nicht mehr/erkennt mich nicht immer
27 kann sich/seine Wünsche nicht mehr äußern
28 scheint kaum mehr irgendetwas wahrzunehmen
29 lebt in der Vergangenheit
30 widersetzt sich bei bestimmten Pflegeaufgaben
31 leidet unter seinen Einbußen
32 empfindet meine Hilfe als Einmischung
33 ist ängstlich oder verunsichert
34 beschuldigt oder verdächtigt mich
35 kann sich nichts merken
36 ist mir gegenüber schon handgreiflich geworden (schlagen, kratzen, beißen)
37 ist fast immer traurig, niedergeschlagen, depressiv
38 findet sich in seiner Umgebung nicht mehr zurecht
39 zeigt Verhaltensweisen, die sie/ ihn selbst und andere gefährden
40 dass er/ sie hilfsbedürftig ist, geistig abgebaut hat
41 ist kein Gesprächspartner mehr für mich, dass weniger Austausch mit ihm / ihr möglich ist
42 Traurigkeit über das Schicksal der gepflegten Person
43 dass ich meinen Angehörigen (als Ehepartner/Vater, Mutter) in gewisser Weise verloren habe
  Belastung durch Bedürfniskonflikte    
44 Die Pflege kostet mich viel Kraft und ich bin oft erschöpft
45 Ich habe kaum/zu wenig Zeit für meine persönlichen Bedürfnisse und Interessen
46 Freunde, Nachbarn und Bekannte haben wenig Verständnis für meine Situation und ziehen sich zurück, dass andere das Krankheitsbild zu wenig verstehen
47 Der Umgang mit dem Pflegedienst und den Behörden ist oft schwierig und zeitaufwändig
48 Außerhalb der Pflegesituation nicht abschalten können
49 Aufgabe von eigenen Zukunftsplänen aufgrund der Pflege
50 Wunsch, aus der Pflegesituation auszubrechen
51 Pflegebedingte Abnahme mit der Lebenszufriedenheit
52 Angst, den Pflegebedürftigen allein zu lassen und sich dadurch selbst „angebunden“ fühlen
Belastung durch Rollenkonflikte      
53 Ich kann mich im Beruf nur schlecht konzentrieren
54 Ich habe das Gefühl, dass mein Partner / meine Kinder / die Familie unter der Situation leiden, dass ich weniger dazu komme, meine Kinder/Enkel zu unterstützen
55 dass ich wegen der Pflege nur noch in Teilzeit bzw. gar nicht mehr arbeiten kann
56 Notwendige Tätigkeiten außer Haus werden in Hetze erledigt, um schnell wieder beim Pflegebedürftigen zu sein
57 dass ich weniger Kraft für berufliche Anforderungen habe
58 dass ich mir am Arbeitsplatz Sorgen um meinen pflegebedürftigenAngehörigen mache
59 Wenn Eltern gepflegt werden: dass ich zu wenig Zeit für meinen Partner/Ehepartner habe
  Belastung durch innerseelische Vorgänge      
60 Ich mache mir Sorgen, wie es weitergeht
61 Ich habe Angst, den Belastungen nicht gewachsen zu sein
62 Der/die Pflegebedürftige ist mir physisch vertraut und wird mir gleichzeitig fremd
63 Ich habe Schuldgefühle
64 Ich habe ein schlechtes Gewissen nach Heimunterbringung
65 Ich fühle mich schuldig, wenn ich mir insgeheim den Tod meines Angehörigen wünsche
66 Ich schäme mich für das Verhalten meines Angehörigen in der Öffentlichkeit
  Belastungen durch Schwierigkeiten, Einschränkungen
(Gedanken und Gefühle, die Pflegende in bezug auf die Pflege und die damit verbundenen Aufgaben und Einschränkungen haben können)
     
67 dass ich bei der Pflege Fehler mache und das Gefühl habe, versagt zu haben
68 dass meine Bemühungen bei der Pflege fruchtlos sind
69 die Aussichtslosigkeit der Pflegesituation
70 dass ich so enttäuscht bin, weil unsere Lebensplanung zerstört ist
71 dass ich zu wenig Anerkennung von anderen bekomme
72 Sorge um die Zukunft des Pflegebedürftigen, wenn die Versorgung durch eigene Erkrankung nicht mehr bewältigt werden kann (durch eigene Pflegebedürftigkeit oder Tod)
73 dass es mir schwergemacht wird, Informationen über Unterstützungsmöglichkeiten in der Pflege zu bekommen, dass ich in meinen Bemühungen um Hilfe allein gelassen werde
74 dass ich zu wenige Möglichkeiten habe, für mich zu sein, zu wenige Rückzugsmöglichkeiten habe
75 dass andere Menschen zu wenig Verständnis für meine Situation aufbringen
76 fehlende Dankbarkeit vom Pflegebedürftigen und anderen Familienangehörigen
77 dass ich zu wenig dazu komme, mich um meine eigene Gesundheit zu kümmern, ich zu wenig dazu komme, Dinge für mich selbst zu erledigen
78 dass ich zu wenig Zeit für Aktivitäten mit anderen habe
79 Aggressionen (dem Pflegebedürftigen gegenüber) zu spüren, was wiederum zu Schuldgefühlen führt
  Finanzielle und sonstige Belastungen      
80 Einkommenseinbußen bis zum völligen Einkommensverlust, wenn eine Berufstätigkeit wegen einer dauerhaften Rund-um-die-Uhr-Pflege nicht mehr auszuüben ist
81 finanziell aufwändige Maßnahmen, z.B. Umbau einer nicht rollstuhltauglichen zu einer barrierefreien Wohnung
82 dass ich mir wegen der Pflege / Erkrankung weniger leisten kann
83 dass unsere finanziellen Mittel wegen der Pflege/Erkrankung in der Zukunft vielleicht nicht ausreichen werden
84 dass uns / mir nicht genug Geld zur Verfügung steht, um die Pflege / Betreuung des Pflegebedürftigen auch zukünftig befriedigend zu gestalten
85 Aufwendungen für Reinigung, Inkontinenzmaterialien etc.

Sie haben mehrere Möglichkeiten, Ihr ganz persönliches Belastungsprofil zu erkennen.
Einen schnellen Überblick verschaffen Sie sich am besten, wenn Sie in ermitteln, welche Kategorien die meisten – Markierungen aufweist, dann, welche Kategorien viele oder die meisten – Markierungen und schließlich, in welchen Kategorien die – Markierungen häufig vertreten sind oder sogar dominieren. Nach dieser Sortierung sollten Sie eine Rangreihe der Kategorien vornehmen.

Rangreihe

  • Betreuungsaufgaben (           )
  • Körperliche Belastungen (           )
  • Verhaltens-, Persönlichkeits- und Beziehungsänderungen (           )
  • Bedürfniskonflikte (           )
  • Rollenkonflikte (           )
  • innerseelische Vorgänge (           )
  • Einschränkungen (           )
  • Finanzielle und sonstige Belastungen (           )

Auf dem 1. Rangplatz sollte jetzt die Kategorie stehen, deren Aufgaben Ihnen am meisten Schwierigkeiten bereiten, auf dem 8. Rangplatz steht die Kategorie, bei der Ihnen die Erledigung der Aufgaben relativ leichtfällt oder ohne größere Schwierigkeiten gelingt.
Für drei der – markierten Aufgaben, die Ihnen am meisten zu schaffen machen, stellen Sie sich die Fragen „Was kann ich tun, um weniger belastet zu sein? Was würde ich dazu brauchen?“
Vermutlich haben Sie nicht unmittelbar eine Antwort auf diese Fragen, deshalb: lassen Sie sich Zeit mit der Beantwortung dieser Fragen, hören Sie dazu auch auf Ihre „innere Stimme“. Wenn Sie Antworten gefunden haben, verfahren Sie mit den übrigen – markierten Aufgaben nach dem gleichen Muster.

Wenn Sie wollen, können Sie das Belastungsinventar nach einigen Monaten wiederholen und die Ergebnisse miteinander vergleichen, um Fortschritte in Ihrer Betreuungs- und Pflegekompetenz zu erkennen.

 

01/31/17

Selbstannahme

Selbstannahme Wer weiß, wo seine Stärken liegen,
kann leichter zu seinen Schwächen stehen.

 Selbstannahme, auch Selbstakzeptanz wird in der Psychologie weitgehend mit Begriffen wie Selbstachtung, Selbstzuwendung und Selbstwert gleichgesetzt. Dabei wird davon ausgegangen, dass zur Selbstannahme die Fähigkeiten zur Selbstkritik, Sinn für Humor, mentale Flexibilität und Lebensfreude bzw. Optimismus gehören.

Fähigkeiten, die pflegenden Angehörigen eines Menschen mit Demenz im Pflegealltag „schon mal abhandenkommen können“, wenn man gereizt oder unwirsch auf Anforderungen reagiert, obwohl man sich so fest vorgenommen hatte geduldiger zu sein und mehr Verständnis für die Folgen der Erkrankung aufzubringen.
Dann stellt sich sehr schnell das Gefühl ein, mit den Schwierigkeiten der Betreuung und Pflege nicht zurecht zu kommen, weil man zu schwach ist und öffnet damit die Spirale der „Selbsterniedrigung“. Nichts gegen Selbstkritik, aber wenn uns der innere Kritiker an die Selbstachtung geht, dann ist für Pflegende Gefahr im Verzug, über den Anstrengungen der Pflege krank zu werden.

Selbstachtung gilt als Garant für Lebenszufriedenheit, Gesundheit und Erfolg gerade im Umgang mit existentiell bedrohlichen Lebenssituationen wie sie Demenz in der Familie darstellen. Eine gute Meinung von sich, wie sie Menschen auszeichnet, die sich so wie sie sind akzeptieren, lässt sie eher Risiken eingehen und Misserfolge, die bei der Pflege eines Menschen mit Demenz nicht ausbleiben, besser wegstecken. Sie sind im Innern Ihres Wesens überzeugt, ein „Grundrecht“ auf ein erfülltes Leben zu haben und richten ihre Ziele und Handlungen auch und gerade in kritischen Lebensphasen darauf aus.

Wenn sich Pflegende mit dieser Fragestellung auseinandersetzen wollen, empfiehlt es sich damit zu beginnen, sich zu fragen: „Was genau erwarte ich eigentlich von einem guten Freund (oder einer guten Freundin)?“[1]

„Vielleicht so etwas:

  • Es sollte jemand sein, mit dem ich gerne zusammen bin.
  • Jemand, der gut zuhören kann
  • Jemand, mit dem ich lachen kann, auch oder gerade über uns selbst.
  • Es sollte jemand sein, der mich um meiner selbst Willen mag.
  • Jemand, der mich aufbaut, wenn ich mal unten bin.
  • Es sollte jemand sein, der mich nicht verurteilt, sondern so nimmt, wie ich bin.
  • Jemand, der das Gute in mir sieht und nicht nur an mir herumkritisiert.
  • Aber er sollte mir auch mal den Kopf waschen, wenn es notwendig ist.
  • Und er sollte mir auch verzeihen können, wenn ich mal Mist gebaut habe.“

Wenn Sie diese Aussagen Ihren Vorstellungen von einem „guten Freund“ bestätigen können, sollten Sie sich fragen: Was davon trifft auf mich und meine Beziehung zu mir selbst zu. Zumindest wissen Sie dann, woran Sie arbeiten sollten, um sich Ihre Selbstachtung, Ihre Selbstakzeptanz zu erhalten und sich selbst als Person, die einen Menschen mit Demenz pflegt, (wieder) annehmen können.

[1] Quelle: www.Zeit zu leben, 23.05.2008 • Kategorie: Selbstverantwortung • Von: Ralf Senftleben